Metropolis ’78

Prolog. Für mein 2010er Kurzfilm-Projekt „Micky, 30“ hatten zwei Schauspieler zugesagt: Mieke Schymura und Hans Piesbergen. Mieke würde Micky (Ableitung von Michaela) spielen, eine junge Frau, die von ihrer Krebsdiagnose umgehauen wird, bevor sie zur entscheidenen Frage gelangt… – OK, das wird dann auch im Kurzfilm dran kommen. Ihr behandelnder Arzt, Dr. Krauss – genau für den konnte es nur einen geben: Hans Piesbergen.

Berlin, 14. Februar 2012, Schwarzes Cafe. Treffen mit Hans – mehr als zwei Jahre liegt er zurück, unser legendärer „Micky, 30“-Nobudget-Dreh. Beim Kakao schnacken wir über meine erste Zaungast-Berlinale und, na klar, das Schauspielerleben – Hans ist schon ein Weilchen dabei, total interessant, wenn man dem zuhört. Beim „Micky, 30“-Projekt ging manches schief – unvermeidlich blenden wir über, auf diesen einen Hamburg-Drehtag:

Hamburg, 11. Dezember 2010, Geschäftshaus am Gänsemarkt 43. Unser Drehtag – meine hochschwangere Frau macht sich gut als Set-Assi, lenkt den Wagen, voll beladen mit Requisiten, an das Ziel. Wir wuchten Catering-Kisten, medizinische Fachbücher, Organ-Torso und allerhand Equipment aus dem Kofferraum heraus. Drunter trage ich extra mein Star-Wars-in-concert-Glücks-T-Shirt – das gute Stück, längst von Motten durchsiebt.

Oben im 6. Stock hat ein guter Freund seine Büroräume zur Verfügung gestellt – alle Motive unter einer Haube: Korridor, Besprechungszimmer und das Dach. Okay, Drehgenehmigung für’s Dach haben wir nicht, ist auch verdammt hoch, man kann weit gucken, genau richtig – kleiner, ernster Film. Vier Büroarbeitsplätze (wir bauen um auf Besprechungszimmer) müssen erstmal ratzekahl geräumt werden – nach Drehschluss soll jeder Kuli wieder an originaler Position liegen. Unser Gastgeber schießt vor Umbau gute zweitausend Detail-Fotos.

Hans und ich haben nur ein paar Mal telefoniert, treffen würde ich ihn heute zum ersten Mal. Ebenso wie Mieke wohnt er in Berlin – geographisch nicht ideal, aber gut. Schade auch, dass ich (blank wie immer) bei den Dialog-Proben in Berlin nicht dabei sein konnte. Ich wusste: Mieke und Hans hatten sich für Hamburg eingegrooved.

Unsere Schauspieler treffen ein – endlich, ich musste nämlich schon 20x aufs Klo. Hans beglückt uns heute in einer Art „Zauberermantel“. So wie Hans gewandet ist bedaure ich wirklich hier keinen Fantasy-Knaller zu machen… 2x 200-Watt-Baustrahler heizen das Besprechungszimmer-Set auf tropische Verhältnisse. Noch flink die Styropor-Aufheller basteln, und dann die Kostümauswahl mit Mieke (also Micky) und Hans (Dr. Krauss). Wir starten: Dialogszene – Regie macht sich nicht eben mal so von ganz allein.

Später am Tage: Mieke im Lachflash – bin ratlos, finde es jedoch echt komisch, wenn Schauspieler in besonders ernsten Szenen vor Lachen abbrechen. Hans fängt seine Kollegin nach dem elften Anfall wieder auf – schönes Material für’s Making of.

Über den Dächern Hamburgs: Verzweifelt rennt Micky (sie hatte von Dr. Krauss eine schlimme Diagnose erhalten) die Stahltreppe hoch, schreit, wirft ihre Jacke weg, weint, ist am Ende, klettert über das Geländer, nähert sich der Kante – ich umkreise sie dabei auf 360°-Ballhaus-Art… Richtig dezember-kalt, dort oben, und Mieke ohne Mantel – sie brüllt immer wieder das SCH-Wort. Als bekennender Warmduscher ist es mir sogar in meiner Thermojacke nicht wohl. Etwa sieben oder acht Takes – dann huschen wir frierend wieder rein.

Unsere Catering-Wichtel rühren dicke Kartoffel-Krabben-Suppe um. Der Bauch meiner Frau macht bisher gut mit – mögen heute die Zwillinge bitte noch nicht dazwischen kommen… Wir haben einiges vor hier, auch müssen Mieke und Hans abends ihren Zug Richtung Berlin erhaschen.

Mein Freund, mein Location-Manager, ruft mich zu sich – ich solle mal raus gucken, jemand wolle was von mir. Wir sind im 6. Stock, warum zum Veluxfenster – und mit wem reden? Ich sehe also da raus, kann dem Feuerwehrmann fast die Hand reichen – ziemlich ungehalten ruft der von seiner Korbleiter, „was denn wohl bei uns los sei?!“ „Dass wir hier nur’n Video drehen“, schwöre ich ihm. Genervt deutet der Feuerwehrmann nach unten, ich lehne mich vor, gucke runter – welch gigantische Leiter!

Sein Feuerwehrtruck in der Tiefe hat nur Matchbox-Größe. Huch, da sind auch zwei Rettungswagen, jede Menge Polizei und etwa dreihundert Schaulustige – der weihnachtliche Gänsemarkt ist großzügig abgesperrt.

Leute starren gebannt hinauf (wie damals, Metropolis ´78: Als Superman in letzter Sekunde Lois Lane vom Daily Planet-Tower rettete, samt demoliertem Helikopter). Vereinzelt sind unten Blitzlichter zu erkennen. Mit mulmigem Bauchgefühl laufe ich das Treppenhaus hinab – was nur sage ich den Cops auf der Strasse?! Wünsche mir John Williams und das London Symphony Orchestra herbei – dann wäre schon alles plausibler.

SlowMo-Sekunden später – stehe fröstelnd vor „unserem Wolkenkratzer“ vier Metropolis-Beamten der Wache 14 gegenüber – man notiert nüchtern-hanseatisch meine Daten. Und diese ganze „Falscher-Alarm-wegen-Film-(beinahe)-Verzweifelungssprung“-Geschichte. Halb Norddeutschland drängelt sich gaffend hinter den Absperrungen – mit Grausen überschlage ich phantasievoll die saftige Feuerwehr-Einsatzrechnung, inklusive Materialschlacht und versuche, das Autohup-Konzert runter zu pegeln. Welcher Depp hat (wohl durchs beschlagene Fernglas?) nicht bemerkt, dass es dort oben nur Dreharbeiten waren?! Unangemeldete Dach-Dreharbeiten, okay. Ich smile zur Feuerwehrtruck-Besatzung rüber, die ihren Kollegen gerade wieder nach unten holt – null Reaktion, dann wenden die sich ab. Mein Freund, dessen Büroräume wir ja nutzen durften, ist jetzt auch da, er sieht nicht glücklich aus – keiner sieht so richtig glücklich aus.

Berlin, 14. Februar 2012, Schwarzes Cafe: Hans und ich beömmeln uns über diese Sache mit dem kleinen Kurzfilm, der so eine Klasse-PR-Kampagne feierte – noch während dem Dreh. Es kam nie eine Rechnung. Und die Story wird immer bunter, je öfter ich sie zum Besten gebe, findet Hans auch – wie in „Superman The Movie“!Unsere Kakao-Session – zahlt natürlich Dr. Krauss. Draußen vor der Kneipe knipsen wir einige Remember-Fotos und beschließen, „mal was Lustiges zu drehen“.

Hans verpasst mir noch eine Tourie-zu-Fuß-Tour, dann verabschieden wir uns beim Zoo-Palast – freue mich, sein Zeitgenosse zu sein. Schade, dass Mieke nicht auch dabei sein konnte. Ich gucke Hans nach: Die Passanten-Komparsenarmee wimmelt umher, da ist Hans auch schon verschwunden – großes Berlin, bin viel zu selten hier. Holla, Berlinale, Meryl Streep ist in der Stadt, die ruf’ ich gleich mal an – vielleicht mag sie brunchen?