Eisverkäufer reloaded

Draussen der frostige Winter. Und drinnen: Ein Kinosaal der Provinz Stormarn, könnte auch Monaco sein – jedenfalls, späte 80er Jahre. Ich habe es gemütlich: Mittelblock, Reihe 8, ganz außen zum Gang – so bleibt wenigstens die rechte Flanke frei. Unser Kino füllt sich. Auf der polierten Holzablage thront mein schweres Schlüsselbund, dezent ausgeleuchtet vom niedlichen Lampenschirmchen. In meine Stammecke schneit keiner mehr rein. Den voluminösen Daunenparka kann ich links bequem auf dem freien Sessel verstauen. Mal wieder ein Ticket, zwei Plätze, super.

Filmtrailer und Werbeblöcke sind abgespult, sanft wird die Leinwand vom ausgefransten Vorhang verhüllt – klitzekleine Wandstrahler funkeln durch das Lichtspielhaus. Ältere entsinnen sich: Man hätte in heimischer Komfortzone die handgekritzelte Videokassettenliste durchstöbern können – gemütlicher Couchabend, wo keiner stört. Andererseits: Gut gepolsterte Klappsessel und eine echte Leinwand – hier im Saal haben Kinofilme ihr wahres Zuhause.

Bin happy: Links kann ich mich total weit ausbreiten. Urplötzlich brummt aus betagter Soundanlage Roland Kaisers „Santa Maria“-Intro, legendär – da ruckelt und rumpelt es: Mit allerlei Hüftgold-Wegbereitern an Bord scheppert der überladene Handwagen in den Kinosaal, angetrieben vom fidel aufgelegten Eisverkäufer: „…noch jemand Eis?“ Animiert durch einen einzigen Vormucker, zücken immer mehr scheinbar halb verdurstete Besucher ihre Geldbörsen und winken diesen Eisverkäufer zu sich. Kübel voller Zuckerplörre und Knabberzeug kommen unters’ Volk, der Eisverkäufer kassiert mit grenzenloser Ausdauer – das große Hamstern! Wer weiß denn auch, wann es wieder was gibt? Warum werden beim Karten abholen keine Babyrasseln ausgehändigt? Es wird Zeit, im Grunde ist man ja wegen Filme gucken hier drin.

Holla, die Waldfee – mein Sitznachbar zur Linken erscheint doch noch und präsentiert eine zwischen Zähnen unangenehm aufgeweichte Eintrittskarte – mit korrekter Platznummer. Das Leben ist also doch nur ein elendiger Verräter. Ich blinzle hinauf: Triumphierend steht da ein ca. elfjähriger Dauergrinser. Frage mich, mit welchem Märchen nur dieser Knirps alle im Kassenbereich ausgetrickst hat – heute läuft hier bestimmt kein Kinderfilm. Verfrüht also, mein naives Frohlocken genug Platz um mich herum zu wissen – gespielt gutmütig rolle ich den Daunenparka auf, quetsche ihn zwischen meine Beine und gebe links kostbares Terrain frei. Zwar hat der Neue nur ca. 40 Kilo – aber er balanciert einen 7,5-Liter-Spezi-Eimer, randvoll und ohne Deckel. Diesem Gerippe gebe ich bis Filmminute 15, dann braucht der Typ das Klo, und ich muss ihn durch lassen, parallel zur superschönen Schlüsselszene – so kommts’ doch immer!

Der vergnügt-verspätete Gast wuchtet seinen Getränkekrug auf die Ablage und fegt sportlich mein Schlüsselbund zu Boden. Instinktiv lange ich in die Tiefe und bekomme irgendwas klebriges zu fassen. Tastsinn – zweischneidiges Schwert: So entgehen mir nicht die kulinarischen Überreste der letzten drei Vorstellungen, angepappt unterm’ Sitz.

Mit Scannerblick filtert der Eisverkäufer weitere Kunden: „…möchte denn sonst noch jemand?“ Kauernd flehe ich bei mir, grimmig: „Niemand, niemand! Los, raus, Tür zu, Ruhe, dunkel werds’! Und schmeiß’ den Projektor an!“ Auch der letzte ausgehungerte Kinogast wird hier mit Engelsgeduld bedient. Mein linker Co-Pilot zieht jetzt, dem Geräusch nach, mindestens 0,5 Liter durch den Trinkstutzen rein – sein saures Aufstoßen steckt jeden ausgespuckten Babybrei in den Sack.

Endlich gelingt es mir das verschollene Schlüsselbund zu angeln – rein damit in den Daunenparka. Ich würde tauschen – gegen jeden Elektroschocker. Unglaublich, dieser Eisverkäufer schiebt wirklich ab, endlich, der marode Handwagen rumpelt Richtung Ausgang, die quietschenden Miniräder gurken über Popcornbrösel drüber – jetzt nur keine Panne! Die Doppeltüre hinten ist fast erreicht. Und schon wagt es ein Krawallbruder aus Reihe 2, den Transport zurück zu beordern! Der Spinner von da vorne, Ivan Drago nicht unähnlich, hat wohl noch keine Kartöffl-Chips. Eisverkäufer samt Gefährt also retour. Wow, Produktauswahl in Reihe 2 zieht sich wie Karamelkleber. Ich möchte rufen: „Mach schon, weg endlich mit dieser Grübel-Fratze! Greif zu, gib’ Ruh’ und iss’ das Zeug am besten erst nach dem Film!“ Traue mich das bei Ivan Drago aber nicht, pruste vor mich hin.

Der unpünktliche Strich, mein knochiger Sidekick, setzt bedenkenlos zum nächsten Schluck an: Gewaltig, was der da macht. Um uns herum wird munter Eiskonfekt, Brause und Bier verteilt – keiner hatte zuvor anscheinend mitgekriegt, dass diese Essen-auf-Rädern-Kutsche bereits um Haaresbreite raus war aus dem Saal. Ich schiele zur Uhr – es hat doch keinen Sinn. In Reihe 2 reißt Ivan Drago mit feist freudigem Jauchzen die Proviantladung auf: Überdimensional seine Knabbertüte, gefeiert von nervigen Kumpanen – Drago füttert sie alle durch. Mit manchem Kilogramm mehr an Muskelmasse würde ich den Hirnies aus Reihe 2 Contenance beibringen. Bin eingekesselt: Jemand lässt aus dem Hinterhalt eine ordentliche Batterie Salzstangen über meine, ja, meine Sitzreihe wirbeln. Schon jetzt: Superabend. Umsichtig tritt der Eisverkäufer den Rückzug an, Roland Kaisers Ohrwurm-Gedudel verstummt – plötzlich sehr still und wahrlich dunkel. Wenn jetzt einer nach Zigaretten fragt…!

Erstmal bleibt es still. Aber, ich traue meinen Ohren nicht – das typische Klickgeräusch einer Tupperdose, irgendwo in der Nähe. Klar, packt einfach aus, lasst Knobiknollen Flügel wachsen! Die Leute mit der Dose mampfen los. Muss mich ablenken: Wie unschuldige Glühwürmchen schimmern winzige Lämpchen auf die Auslegeware und spenden wohlige Kinostimmung. Einen friedlicheren Ort kann es nicht geben. Es klingt nach Schlagbohrer – das Gerippe, mein Spezialnachbar, furzt wie ein Fernfahrer. Unbestritten: Ich tue es auch, jedoch an kontrollierbaren Orten. Wäre ich nur zuhause geblieben bei meinem baufälligen Videorekorder. Man hat daheim die luxuriöse Option zu lüften, wann man will – hier drin eben nicht. Wieder ein Gerippe-Furz – leiser, schlimmer noch als die erste Verpuffung. Gebannt gafft der Elfjährige zur Leinwand: „Die könnten auch mal anfangen, jetzt!“, brabbelt er. „Hmmm.“, stimme ich zu.

Vorhang auf, Leinwand frei – grell durchschneidet der Projektorlichtstrahl die Finsternis, Staubpartikel tanzen im Glanz, wirbeln umher. Fanfare, Aufblende: Kamerafahrt in Bodenhöhe durch wehendes Laub. Gänsehaut. Die Filmmusik entfaltet sich – möge der Zauber nicht enden. Inferno auf 6-Uhr-Position – der üble Soundeffekt gehört auch nicht zum Film: Kräcker-Mampf-Alarm! Und BAMMM – die erste aufgeblasene Fresstüte zerplatzt wie Donnerhall! Jetzt fehlt nur noch Polka. Einhundertundneunzehneinhalb Minuten können hart werden: Dümmliche Lacher an total falschen Stellen, durch Rückenpolster gebohrte Knie, Krawall-Nieser, Fingerknochen-Knacker und tuschelnde Story-Verräter. Wie gierige Mississippi-Alligatoren fällt die komplette Reihe 2 über die Erdnussflips-Notration her – Dragos Club der toten Dichter ist in diesem Spukschloss aber nur ein Brandherd von vielen.

Zu allem Überfluss: Mein liebster Sitznachbar hat seinen Spezi-Eimer längst runter geschnorchelt. Merklich unruhig rubbelt der Junge mit dem großen Durst auf der Sesselkante hin und her, bald schon gerät er in einen Schunkel-Modus. Unsere Schultern prallen aneinander. Mit verkniffenem „Kann ich dann mal?“ klettert das Gespenst an mir vorbei – wir kommen uns wahrlich nahe. Er ist fort, ich mag gar nicht auf seinen Sitz schauen. Oh – und was geschah eben im Film? Mutter aller Schlüsselszenen – und er hats’ versemmelt! Nacho-Splitter hinten im Kragen, mein verdrängtes Kindergarten-Trauma erwacht: Hagebutten-Juckpulver rieselte mir ordentlich den Rücken runter – Déjá-vu für alle Fälle. In der berüchtigten 2. Sitzreihe kursiert jetzt eine Bacardi-Flasche zum fröhlichen Gebrauch. Drago raunzt an seine Mitstreiter: „Gib’ Cola rüber, ich mach’ Mische – und! Cola is teuer!“

Wenn der Filmvorführer seinen Job hier ernst nehmen würde dürfte man den Abspann in voller Länge sehen, gäbe es die Chance diesen feinen Soundtrack ausklingen zu hören – ich mag besser nicht darauf wetten. Wie tollwütige Grashüpfer springen die ersten Wilden aus ihren voll gesuppten Sesseln, logische Konsequenz: Massive Auflösungserscheinung. Ratsch – aus, Bild weg, Musik sowieso, Abspann abgehackt! Ich stehe jetzt auf, beuge mich dem Willen dieser Herde – im Gedränge und Geschiebe planieren Drago und seine Vasallen uns alle raus ins Foyer, wie blökende Schafe. Aus dem Toilettengang winkt mir das Gespenst eifrig hinterher: „Nettes Filmchen, nä, schön’ Ahmd’ noch!“ Zum Glück fordert er nicht meine Telefonnummer. 08154711 hätte ich ihm aufgeschrieben. Reflexartig winke ich dem Gespenst zurück – unheimliche Begegnung. Doch Recht hat er: Der Film war ganz gut, wobei die Action mehr interaktiv im Saal passierte.

Wahrlich, mir fehlt mein Daunenparka, hier draussen im Schneeregen – Schlüsselbund drin, Brieftasche drin. Zitternd kehre ich in das Foyer zurück und steuere Richtung Einlass.„Ey, nich’ rein – da is’ Reinigung!“, funkt mich einer vom Tresenpersonal an. Wenn ich friere, habe ich keine Lust zu reden und trotte weiter. In Gedanken antworte ich: „Pass’ mal lieber auf, dass ihr keine Kinder in den FSK16er reinlasst!“ Pfeifend (ja, wirklich, es ist das „Indiana Jones“-Thema) stürmt jemand direkt aus dem Saal auf mich zu – dieser Eisverkäufer weiß echt bescheid als er mich sieht und überreicht meinen Daunenparka: „…der hier passt, biddeschön!“ Mit leichter Beklemmung sage ich: „…ich war auf der Suche!“ Professionell hilft mir der Eisverkäufer in die wärmende Ummantelung, geschieht selten. „Schönen Dank, is’ nämlich ganz schön fußkalt, heute!“ Unser Eisverkäufer strahlt voller Elan und Hilfsbereitschaft, zwinkert mir sinnierend zu – und haucht (mit Clint-Eastwood-Stimme): „…weisst du, Junge…, ich sah die Jacke da im Dreck liegen…, hob sie auf…, dann sprach ich zu ihr – bleib’ bei mir und du bleibst am Leben.“ Klasse-Typ, genauso behämmert wie ich. Den muss man gern haben – immer gut drauf, bei seinem nicht ganz so leichten Job.