Verneigung

In vergangenen „Wetten dass…?“-Zeiten schuftete ein emsiger sueddeutsche.de-Autor akribisch, jahrhundertelang: Stets zu aktueller „Wetten dass…?“-Ausgabe wurde dieser Mensch nimmer müde Gottschalks Moderations-Stil zu sezieren, zu diffamieren. Irgendwo im weiten Show-Reich hatte König Thomas einen Feind – dieser dunkle Ritter war selbstlos, klang jedoch beinahe deprimiert.

Kurz nach Verhallen der Eurovision-Hymne und dem Opener konnte man jenen Abtrünnigen im Geiste sehen: Wie er kauernd, fröstelnd, fiebernd im schummrigen Versteck, ganz nah dem knisternden TV-Schirm Gottschalks Begrüßung auseinander nahm, hetzerische Protokoll-Notizen kritzelte. Noch während des Königs Show würde die frischeste Anklageschrift des grummelnden Chronisten entstehen – seine Schreibmaschine ratterte sich heiß. Von Zunder, der Klang – und ich freute mich kein TV-Moderator zu sein. Hatte dieser traurige Schurke keine Sorge, gefasst zu werden?

Nicht, dass seine literarischen Schwerter herzlos geschmiedet, schlecht formuliert waren. Was ja, speziell online, „mal“ vorkommt. Nein, er brauchte auch keinen Harnisch, tarnte sich nicht. Wie ich mich entsinne hatte dieser sueddeutsche.de-Autor etwas (was nicht allzu viele Netz-User unter Mitteilungsdrang haben) – etwas, was gar nicht so schwer bei uns hinzukriegen ist: Einen Klarnamen.

Pressefreiheit: Famos! Nur schmeckten diese Anti-König-Thomas-Artikel häufig, für mich Knecht ganz persönlich, als wolle der dunkle Ritter unseren König Thomas madig schreiben, untragbar machen, stürzen, um selbst eines Tages den „Wetten dass…?“-Thron zu erklimmen.

Später dann: „Gottschalk Live“ ist nicht gerade wie die ultimative Quoten-Burner-Bombe empor gezischt, aber mit Verlaub – dem TV-Pöbel wurde schon viel üblere Unterhaltung zugemutet, gerade hier: „Todeszone Vorabendprogramm“. Und schon blöken, ätzen sie wieder aus ihren Unterschlüpfen – tippende Vasallen des dunklen Ritters: König Thomas könne unser Land nicht moderieren, auch nicht mit neuer Show. Was haben wir doch für Sorgen.

Dass ein Entertainer (größtenteils unsachlich bis unqualifiziert) von daher zwitschernden Legionen runter gefiedelt wird – man kennt es, verwunderlich, diese ratzfatz raus geblasene Energie. Wenn Gottschalk mal das Tüdeln kriegt, etwa ein buntes Namenkarussell unter seinen Gästen in Fahrt schuppst – huch, dann ist richtig Stress im Block.
Wer von uns hat noch nie, ob im on oder im off, live oder live on Tape, Irrtümer, Peinlichkeiten, Fettnäpfchen fabriziert? Gottschalk vermittelt nicht als Unterhändler zwischen verfeindeten Warlords. Der Mann ist TV-Moderator. Medien-historische Erfahrungen hat er gesammelt – wir heutigen Netzuser, hockten, wenn überhaupt einst schon geboren, wegen 1x Kreuzchen bei „Nein“ auf dem „Willst-du-mit-mir-gehen-Zettelchen“ flennend hinter der Sandkiste.

Heerscharen tumb-aufgeregter Online-Kommentatoren, ausgestattet mit listigen Pointen, posten anonym, was sie schon immer mal los werden wollten – unter dicker Nickname-Haube, feige. Klarnamen geben sie selten preis. Oder: Ob all diese Gehässigen wohl bedauernswerte Ex-Stalking-Opfer sind, die ihre zurückeroberte Intimsphäre schützen müssen, digital-vermummt? Zynisches zu einer Popcorn-TV-Sendung – mehr haben sie nicht der Welt zu sagen?
Zur Meinung stehen – ohne Maskerade. Wir können uns das hierzulande leisten: Die Nennung unserer Klarnamen.

Wenn mörderische Regime durch mutige, ehrliche Berichte ins Wanken gebracht werden: Sehr gut. Diese Menschen, die uns informieren, riskieren enorm viel, verwenden sie ihre wahre Identität. Ein zweischneidiges Schwert prüfen, bewerten zu können, was authentisch ist. Doch oftmals gelungen, mit positivem Echo. Schreibende Freiheitskämpfer, irgendwo – sie bloggen, berichten, fotografieren, sprechen Tatsachen aus. Keine Belanglosigkeiten. Sie wurden, sie werden „unmöglich gemacht“, verfolgt, gedemütigt, inhaftiert, gefoltert, getötet. Diener der Menschlichkeit mit Klarnamen in wahnsinnigen Zeiten. Verneigung.

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