Klangteppich-Wahnsinn

Humorlos – keine Spur. Nur phantasievoll-frustriert, diese Soundtrack-Genießer – es mag global schon einige ihrer Spezies geben: Flohmarktaufpicker, Archivare, Gernreinhörer, Konzertbesucher, kurz: Liebhaber instrumentaler Filmmusik. Irgendwelche drauf geträllerten Songs (machen wir mal eine Ausnahme beim ROCKY-Märchen) brauchen sie nicht. Soundtrack-Genießer wollen das Orchester hören, Synthes oder Crossover, gern auch ganz Verrücktes – jedenfalls muss es die individuelle Komposition für den Film und seine Bilder sein.

Mainstream beherrscht die Welt. Das piekt. Und das macht speziell Soundtrack-Genießer zu musikalischen Exoten – beim Freundeskreis (ohnehin überschaubar), in eigener Ehe (nein, mit Familie geht es garantiert nicht auf Mars-Mission), unter Kollegen (man wird geschnitten, kriegt nur den kaputten Spind in der finsteren Ecke).

Verwunderlich, wenn Kinopublikum kaum Erinnerungen hat an die Filmmusik – vom gerade erlebten oder nur konsumierten Film. Erquickt, jubelnd, enttäuscht, verstört oder gar heulend strömen Menschen aus dem Saal in das Foyer hinaus, diskutieren, lamentieren, tuscheln über Star-Frisuren, Love-Songs (Vorsicht: vocal, nicht instrumental!), VFX, Stunts, Jokes, Tragisches oder Gemeucheltes – so was bleibt hängen, doch zum Soundtrack kann sich niemand äußern.

Nach JAWS hätte man möglicherweise die Chance gehabt 1975 etwas zu erfahren, ein Weilchen ist das her: Melodie recht simpel, aber treffend.

Es gibt Experten, die ernsthaft verkünden, dass Filmmusik nur „gut“ ist, wenn man sie als Zuschauer überhaupt nicht wahrnimmt – sie, die Filmmusik selbst, sollte nämlich vielmehr im Unterbewusstsein, dort als Klangteppich… Solch abstrusen Zustand möchte man bei STAR WARS, 1492, DANCES WITH WOLFES oder LORD OF THE RINGS lieber doch nicht „heraus hören“. Einverstanden, Verfechter des Dogma `95 machen ihren Job – sei es ihnen auf jeden Fall gegönnt. Diese Zeilen hier widmen sich Produktionen, die dann doch höhere Reichweite erzielen.

Ein Film-Soundtrack ist ein Character – im besten Falle. Öfters stiefmütterlich hingeramscht: Das Soundtrack-CD-Sortiment im Kaufhaus – irgendwo zwischendrin bei Weltmusik, Indie, Urgelmurgel oder Musical. Bravo! Da fragt man sich als treuer Filmmusik-Sammler: „Bin ich anders? Werde ich hier gleich runter zum Kellerverlies abgeführt, um in diesen Soundtrack rein horchen zu dürfen?“

Ist instrumentale Filmmusik für den Durchschnitts-Kino-Gänger entbehrlich? Relativ, wohl eine Geschmacksfrage – jedenfalls: Einen Gedanken wert. Für Sportevents werden gern Soundtracks hergenommen, um euphorische Massen zu beschallen – Gewinn-Minimierung steckt sicher nicht dahinter. Oder ist das hier der falsche Planet? Nach Trumps Wahlsieg trat der Gekürte zu Salven aus AIR FORCE ONE vor seine Anhänger.

Millionen Kinobesucher – kann es denen schnurz sein, ob BRIDGES OF MADISON COUNTY oder TERMINATOR 2 individuelle Filmmusik-Handschriften präsentieren? Unterbewusster Klangteppich wäre da fatal, Soundtrack-Genießer wissen darum.

Soundtrack-Genießer – gewöhnlich hält man sie für verkorkste Spinner. „Die hören nun mal andere Musik“. Wenn Queen, Reinhard Mey, Grönemeyer, Depeche Mode oder Uschi Blum (old school trifft auf immer passabel) im Radio gespielt werden, wechselt unser Soundtrack-Genießer auch nicht den Sender – jedoch, so viele Sender bringen erst gar keine Soundtracks. Von Gesellschaft isolierte Soundtrack-Genießer haben folglich gar keine Radios in Betrieb. Man kann zum Phantast, mindestens zum Feierabendphilosophen mutieren – dieser Planet ist schon hart.

Wenn in WYATT EARP die Männer zum Duell ihre Strasse runter gehen wirkt das (wir sind im Film) durch bombastische Filmmusik kerniger, staubiger, besser. Und exakt dafür ist der ganze Spaß gedacht: Filmerlebnis. Legendäre Stummfilm-Pioniere dachten bereits so. Vielleicht beglückt man das Publikum bald mit JAWS (oben erwähntem 1975er-Original – oder unnütz neu verfilmt als 5D-Geschütz). Dann könnte man wieder eine Umfrage probieren, hinterher im Foyer.